Niklas Haberl: „Am Wasser ist es schon besser“
Während Lara Vadlau nach ihrer schweren Knieverletzung am Comeback arbeitet, hat Vorschoter Niklas Haberl versucht, auf dem Wasser keinen Stillstand aufkommen zu lassen. Haberl im Interview über seine Steuerfrau, Speed und den Weg nach LA.
Der 25-jährige Athlet vom Union Yacht Club Mondsee trainierte mit spanischen Segelpartner:innen, arbeitete an Fitness und Material und bereitete das neue 470er-Boot vor. Im Interview spricht Haberl über die Qualitäten seiner Steuerfrau, die wichtige Rolle von Trainerin Jolanta Ogar, die Kunst des Pumpens, seine Freude an technischer Detailarbeit und darüber, warum nach Vadlaus Rückkehr vor allem eines zählt: gemeinsam „Stunden fressen“.
Niklas, wenn du auf die vergangenen Monate zurückblickst: Wie hast du die Zeit seit Laras Verletzung erlebt?
Niklas Haberl: Am Anfang waren wir beide einmal geschockt. Wir haben ja lange nicht gewusst, was wirklich operiert werden muss und wie lange das dann dauert. Danach haben wir aber relativ schnell versucht, Lösungen zu finden, damit ich mein Programm am Wasser so gut wie möglich fortsetzen kann.
Eure gemeinsame Olympia-Kampagne war damit plötzlich in zwei sehr unterschiedliche Programme geteilt. Was war in dieser Zeit deine Aufgabe?
Haberl: Meine Aufgabe war grundsätzlich, dass ich mich trotzdem so gut wie möglich weiterentwickle: in Kraft, Ausdauer, Meteorologie, viel von außen beobachten. Also eigentlich alles, was ich machen kann, damit ich für mich weiterkomme, Erfahrungen sammle und vom Fitnesslevel her einen Schritt nach vorne mache. Laras Aufgabe war eigentlich komplett, ihre Reha durchzuziehen. Ich habe dann das neue Boot aus Hamburg abgeholt, die Masten vermessen und schon Vorbereitungen für den Zeitpunkt getroffen, an dem sie wieder zurückkommen kann.
Eine wichtige Rolle hat dabei eure Trainerin Jolanta Ogar gespielt, die früher selbst mit Lara im 470er gesegelt ist. Wie wichtig war „Jola“ in dieser Phase?
Haberl: Total wichtig. Wir hatten Jola davor schon als Trainerin in unserer Trainingsgruppe und das ist eigentlich genau gleich weitergelaufen. Ich konnte mehr oder weniger in der Gruppe mit derselben Trainerin weiterarbeiten. Das ist ein Riesenvorteil. Du musst nicht irgendwo wieder neu einsteigen, sondern hast dein ganzes Umfeld ziemlich genau gleich. Und natürlich auch die Teampartner rundherum, die mehr oder weniger darauf warten, dass du wieder zurückkommst. Das war sehr positiv.
Über Jolanta Ogar kam auch der Kontakt zu Pablo Ruiz Ponce zustande. Wie hat diese Trainingslösung funktioniert?
Haberl: Jola wohnt in Palma, Pablo ist aus Palma, daher hat sie ihn gekannt. Wir haben dann auch mit Matthias Schmid ein Gespräch gehabt, um das alles einzufädeln. Pablo war selbst motiviert, seine Kampagne durchzuziehen. Das war eigentlich eine Win-win-Situation: Er konnte trainieren und ich konnte trainieren. Bis Weihnachten haben wir ziemlich genau das Programm durchgezogen, das ich sonst mit Lara gemacht hätte. Danach war das Programm etwas reduziert, aber es war trotzdem vernünftiges Training.
Später hast du auch mit der spanischen Steuerfrau Paula Laiseca trainiert. Wie wichtig war es für dich, trotz Laras Ausfall möglichst viele Wasserstunden zu sammeln?
Haberl: Es ging grundsätzlich darum, dass ich mich so gut wie möglich weiterentwickeln kann. Ich wollte Erfahrungen sammeln und alles machen, was ich machen kann, damit ich weiterkomme. Natürlich ersetzt das nicht das gemeinsame Training mit Lara, aber für meine eigene Entwicklung war diese Zeit wichtig.
Du hattest mit Lara vor ihrer Verletzung nur relativ wenig gemeinsame Trainingszeit. Was macht sie für dich zu einer besonderen Steuerfrau?
Haberl: Sie hat brutal viel Erfahrung. Sie segelt das Boot schon sehr, sehr lange und hat ein sehr gutes Gespür für den Sport und auch für den Trimm. Und sie ist offensichtlich Olympiasiegerin. Da hat man schon vieles richtig gemacht beziehungsweise ein sehr hohes Level an Wissen, von dem man profitieren kann.
Gab es etwas, bei dem du schon in den ersten Tagen gemerkt hast, dass ihr seglerisch ähnlich denkt?
Haberl: Beim Vorwindsegeln hatten wir eine recht ähnliche Idee. Da geht es darum, dass der Steuermann aufsteht, sich hinsetzt, die Lage des Bootes kontrolliert und gleichzeitig der Vorschoter arbeitet. Dann geht es um die Frage: Wie dosiere ich diesen Push aufs Boot? Wie oft mache ich das? Welchen Rhythmus habe ich und wie ist das Verhältnis zur Welle? Da hatten wir eine recht ähnliche Vorstellung davon, wie es sein sollte. Von diesem Grundprinzip her hat es relativ schnell gut funktioniert. Natürlich gibt es dann Bedingungen, bei denen man ein bisschen adaptieren muss, und natürlich muss man sich aufeinander einstellen. Aber für den Start war das schon einmal sehr angenehm.
Und nach wenigen gemeinsamen Trainingstagen kam bei der Europameisterschaft bereits Platz acht heraus. Hat dich das überrascht?
Haberl: Ich konnte nach zehn Tagen Training überhaupt nicht einschätzen, was bei der Europameisterschaft als Ergebnis herauskommt. Aber es ist dann gleich einmal ziemlich gut gegangen (Anm.: Platz 8). Das kann man vorher schwer einschätzen, aber es hat sich am Boot schon gut angefühlt.
Du sprichst auffallend gerne übers Vorwindsegeln und Pumpen. Für Nicht-Segler: Was passiert beim Pumpen eigentlich?
Haberl: Im Endeffekt rollst du das Boot und erzeugst dadurch zusätzlichen Druck. Wenn du das gut mit der Welle timen kannst, kannst du zusätzlichen Speed generieren und eine Welle erwischen, die sonst einfach unter dir durchlaufen würde. Das ist körperlich zum Teil sehr intensiv und vor allem eine riesige Timingsache: Wann pumpen wir jetzt runter, in welchem Winkel zur Welle? Wenn du schlecht pumpst, wirst du sicher langsamer, als wenn du einfach normal fährst.
Es gibt durchaus Segel-Puristen, denen dieses sehr athletische Pumpen weniger gefällt. Stört dich diese Diskussion?
Haberl: Nein. Die können ruhig weiter langsam segeln. (lacht)
Neben dem Training hast du viel Zeit in das neue Boot investiert. Warum ist ein neuer 470er-Rumpf nicht einfach ein Boot, das man übernimmt und ins Wasser setzt?
Haberl: Prinzipiell muss man für jedes Team individuell schauen, dass das ganze Setup zusammenpasst. Dass der Mast mit dem Schwert zusammenpasst, der Mast mit dem Großsegel und dann Vorsegel und Spinnaker. Im Endeffekt muss alles zum Segelstil des Teams passen. Beim Mast gibt es unterschiedliche Gewichte beziehungsweise unterschiedliche Biegekurven. Das schaut man sich sehr genau an: Wie biegt er sich von vorne nach hinten, wie biegt er sich auf die Seite? Das kann man alles vermessen, bevor der Mast überhaupt auf dem Boot steht. Dann geht es darum, einen herauszusuchen, der zum eigenen Setup passt.
Warum hast du gleich mehrere Masten vermessen?
Haberl: Man sucht sich die Biegekurve heraus, die man haben will. Und dann schaut man vielleicht, dass man auf der härteren und auf der weicheren Seite noch einen Mast dabeihat. So kann man testen, was besser funktioniert und in welche Richtung man sich in Zukunft noch entwickeln will. Das Setup von Lara und Luki war natürlich schon sehr gut. Wenn sie damit Olympia-Gold gemacht haben, will man sich davon nicht zu weit entfernen. Natürlich müssen wir es auch ein bisschen anpassen. Aber die weitere Detailarbeit entwickeln wir dann direkt beim Segeln über den Trimm.
Hast du dir dafür auch Rat bei Lukas Mähr geholt?
Haberl: Ja, ich habe mir von Lukas schon viele Tipps geholt.
Weniger als zwei Jahre vor Los Angeles läuft die Zeit weiter. Was passiert, sobald Lara wieder gemeinsam mit dir ins Boot steigen kann?
Haberl: Ich glaube, das erste Mal werden wir vermutlich in Palma starten. Wir haben dort die Trainerin und ein Boot steht auch schon bereit. Dann werden wir uns wahrscheinlich einmal herantasten und schauen: Wie viel Belastung kann man geben? Vielleicht ist es auch schon so weit, dass man wirklich voll trainieren kann. Das kann man aber erst dort sagen. Dann werden wir die Intensität nach und nach rauffahren und, so wie es ausschaut, auch relativ lange hochhalten. Wir müssen wirklich Wasserstunden sammeln und uns wieder aufeinander einstellen. Beim Trimm, bei den Segeln und beim Zusammenspiel. Dann können wir langsam angehen, ob und was wir noch verändern wollen.
Du hast dafür auch schon die Formulierung verwendet: Ihr müsst „Stunden fressen“.
Haberl: Ja. Wir werden im Winter wirklich Wasserstunden sammeln und uns aufeinander einstellen müssen. Das wird eine intensive Zeit bis 2028.
Andere österreichische Teams waren bereits im Olympiarevier in Los Angeles. Warum wart ihr noch nicht dort?
Haberl: Wir haben letztes Jahr gesagt, dass es für uns noch keinen Sinn macht. Wir müssen sowieso noch Stunden sammeln und uns seglerisch weiterentwickeln. Es macht keinen Sinn, nach L.A. zu fliegen und dort Zeit zu verlieren, wenn andere Dinge momentan wichtiger sind. Die Nacra- und 49er-Teams waren schon dort und es werden natürlich meteorologische Daten gesammelt und das Revier wird ausgecheckt. Wir sind mit den anderen Seglern im Austausch. Aber natürlich wird es noch einmal etwas anderes, wenn man dann wirklich selbst dort ist.
Was hast du bislang über das Olympiarevier gehört?
Haberl: Es gibt solche und solche Tage. Es gibt Tage, an denen relativ klar feststeht, welche Seite besser ist. Dann ist der Kampf eher: Wie komme ich auf diese Seite? Wie positioniere ich mich zur Flotte? Das wirkt vielleicht taktisch ein bisschen simpler, aber wenn alle auf dieselbe Seite wollen, wird es natürlich auch wieder eng.
Bis du wieder mit Lara aufs Wasser kannst, steht viel individuelles Training an. Wie sieht dein Alltag momentan aus?
Haberl: Aktuell vor allem Fitnesscenter und Rennrad. Das sind so die Hauptdinge.
Rennrad im Salzkammergut klingt zumindest nach einer ganz guten Alternative. Hast du Lieblingsrunden, bevorzugst du eher flach oder magst du es hügelig?
Haberl: Bei uns hast du sowieso nicht wirklich lange gerade Strecken. (lacht) Aber man kann die Seenrunden schön miteinander verbinden. Du kannst Mondsee und Attersee fahren und dann über den Berg hinten herum wieder retour. Oder Mondsee und Irrsee, das sind kürzere Strecken. Da gibt es wirklich schöne Runden.
Genießt du das genauso wie das Segeln?
Haberl: Ist auch cool. Aber am Wasser ist es schon besser.

