Das Knie gibt das Tempo vor, LA28 bleibt das Ziel
Der Fahrplan steht, doch nach der langen Verletzungspause braucht Lara Vadlau Geduld. Gemeinsam mit Vorschoter Niklas Haberl bereitet sie sich auf die erste Olympia-Qualimöglichkeit im Jahr 2027 vor.
Nach rund 13 Monaten Verletzungspause ist die Kärntnerin zwar wieder ins Segelboot zurückgekehrt, das operierte Knie reagiert aber weiterhin empfindlich auf Belastungen. Bei einem ORF-Interview im Bundesleistungszentrum für Segeln & Surfen des Österreichischen Segel-Verbands (OeSV) in Neusiedl am See sprachen die beiden über ungewohnte Abläufe im 470er, technische Detailarbeit am neuen Boot und den Zeitdruck vor der ersten Olympia-Qualifikation 2027.
Bei einer Wende ist Lara Vadlau schon wieder halbwegs schnell. Bei der nächsten braucht sie deutlich länger. Für ihren Vorschoter Niklas Haberl ist das eine Umstellung, die er bei jeder Bewegung im Boot berücksichtigen muss. „Niki hat immer gefragt, welche Seite das noch einmal war, damit er sich anpassen kann und nicht auf die andere Seite rüberfliegt“, erzählt Vadlau mit einem Schmunzeln.
Es sind kleine Szenen wie diese, die zeigen, wie sich der Segelalltag der Olympiasiegerin verändert hat. Im September saß die 32-Jährige nach rund 13 Monaten Verletzungspause erstmals wieder gemeinsam mit Haberl im 470er. Aktuell läuft der erste von zwei weiteren Segel-Trainingsblöcken im November vor Palma. Das Gefühl im Boot war überraschend schnell zurück. Die körperlichen Grenzen sind allerdings noch deutlich spürbar.

„Überraschenderweise waren wir gar nicht so eingerostet. Es hat extrem viel Spaß gemacht, die Fahrfreude war riesengroß. Umso cooler war es, dass es dann eigentlich ganz gut funktioniert hat“, sagt Vadlau. „Natürlich spürt man das Knie noch hier und da. Das Segeln an sich war gar nicht so das Problem. Aber danach hat das Knie reagiert, es war wieder Flüssigkeit drinnen und es ist angeschwollen. Da muss man einfach die richtige Balance zwischen Belastung und Entlastung finden.“
„Noch einmal zurückgeworfen zu werden, können wir uns nicht leisten“
Hinter Vadlau liegt eine außergewöhnlich langwierige Rehabilitation. Nach ihrer schweren Knieverletzung musste sich die Olympiasiegerin einer komplexen Operation mit Knorpelzelltransplantation, Meniskustransplantation und Kreuzbandrekonstruktion unterziehen. Seitdem arbeitet sie intensiv an Beweglichkeit, Muskelaufbau und Belastbarkeit.
Die Fortschritte sind da, für den Geschmack der Kärntnerin kommen sie allerdings zu langsam. „Es wird immer besser, aber natürlich geht es einem als Spitzensportlerin viel zu langsam. Das ist halt der natürliche Verlauf.“
Dass sie diesmal besonders vorsichtig sein muss, hat ihr Operateur Dr. Jürgen Mandl früh klargemacht. Vadlau kennt nach mehreren Verletzungen in ihrer Karriere die Versuchung, schneller zurückzukehren, als es der Heilungsverlauf erlaubt. Diesmal steht mehr auf dem Spiel als der nächste Regattastart.
„Mein Chirurg hat mir sehr deutlich eingeimpft, dass ich jetzt wirklich nicht übertreiben darf. Ich habe schon mehrere Verletzungen gehabt und mich dadurch ausgezeichnet, dass ich schneller zurückgekommen bin, als es der Verletzungsverlauf eigentlich vorgegeben hat“, erzählt Vadlau.
Als ihr Arzt sie darauf vorbereitete, dass schon die Rückkehr zu normalem Gehen keine Selbstverständlichkeit sei, habe sie das zum Nachdenken gebracht. „Dann überlegst du schon: Du bist Olympiasiegerin, hast alles gewonnen. Aber normal gehen und wieder Sport machen zu können, das ist halt abseits vom Segeln mein Leben.“
Auch der Gedanke, die Olympia-Kampagne nicht fortzusetzen, sei kurz aufgekommen. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, das war nie in meinem Kopf. Aber das waren ganz, ganz wenige Prozent, vielleicht 0,1 Prozent.“
Inzwischen steht die Entscheidung fest. Vadlau will weitersegeln, muss dabei aber einen anderen Umgang mit ihrer Ungeduld finden.
„Ich bin schon oft genug mit dem Kopf durch die Wand gelaufen. Ich bin immer noch im Lernprozess, Geduld zu üben. Aber dieses Mal wäre es echt sinnvoll. Noch einmal zurückgeworfen zu werden, können wir uns nicht leisten.“
Haberls Zuversicht: „Laras Erfahrung wird uns helfen“
Für Niklas Haberl bedeutete die Verletzung seiner Steuerfrau ebenfalls eine schwierige Situation. Der 25-jährige Oberösterreicher wollte möglichst viele Wasserstunden sammeln, musste aber gleichzeitig akzeptieren, dass sich die gemeinsame Rückkehr nicht beschleunigen lässt.
„Es ist natürlich eine zähe Situation. Man will so bald wie möglich wieder aufs Boot, aber eben auch nicht zu früh, weil das Ganze sonst wieder nach hinten verschoben wird“, sagt Haberl.
Die vergangenen Monate nutzte er deshalb für jene Bereiche, an denen er unabhängig von Vadlau arbeiten konnte. „Wir haben einfach geschaut, dass wir aus diesem Jahr das Maximum herausholen: beim Krafttraining, Ausdauertraining, bei der Meteorologiearbeit und bei den technischen Sachen am Boot.“
Trotz der langen Pause blickt der Vorschoter zuversichtlich auf die gemeinsame sportliche Entwicklung. Schließlich hatte das neu formierte Duo schon 2025 nach kurzer Vorbereitungszeit gezeigt, dass es im internationalen 470er-Feld konkurrenzfähig sein kann.
„Ich glaube, wir haben relativ schnell gemeinsam ins Boot gefunden und auch die ersten Events nach kurzer Trainingszeit recht gut beenden können“, sagt Haberl. „Ein großer Teil davon ist Laras Erfahrung. Die wird uns auch jetzt nach dieser langen Pause helfen, dass wir schnell wieder zurückfinden.“
Wie viel Abstimmung dafür notwendig ist, zeigt sich derzeit bei jedem Manöver. Vadlau kann bestimmte Bewegungen noch nicht in der gewohnten Geschwindigkeit ausführen, Haberl muss darauf reagieren. Für die Olympiasiegerin gehört das zur aktuellen Realität.
„Wir Sportler sind gewohnt, unsere Energie auf die Dinge zu verwenden, die wir beeinflussen können. Und die Sachen, die wir im Moment nicht beeinflussen können, nehmen wir so hin, wie sie sind.“
Neues Boot, neue Möglichkeiten
Während Vadlau weiterhin an ihrer körperlichen Belastbarkeit arbeitet, wird im Bundesleistungszentrum für Segeln & Surfen des OeSV in Neusiedl am See an der technischen Basis für die nächste Saison gearbeitet.
Das Zentrum ist der zentrale Leistungs-, Logistik- und Technologiestützpunkt des österreichischen Segelsports. Hier werden Boote vorbereitet, Materialien vermessen und technische Lösungen entwickelt, die auf dem Wasser entscheidende Vorteile bringen können.
Für Vadlau und Haberl steht ein neuer 470er bereit. Dass damit weit mehr verbunden ist als die Übernahme eines neuen Rumpfs, erklärt Vorschoter Niklas Haberl: „Vor allem im 470er ist das Material ein Riesenbestandteil. Wir können unsere Segel verändern, die Masten aussuchen, Ruder und Schwert anpassen.“
Im Vergleich zu stärker standardisierten Bootsklassen haben die Teams im 470er zahlreiche Möglichkeiten, ihr Material individuell abzustimmen. Dabei geht es unter anderem um die Eigenschaften der Masten, das Zusammenspiel mit den Segeln und die Abstimmung von Ruder und Schwert auf den gemeinsamen Segelstil.
„Es ist natürlich super, dass wir im Bundesleistungszentrum die Möglichkeit haben, die ganzen Sachen zu vermessen, auszubauen und die Systeme zu optimieren“, sagt Haberl. „Da fließt sehr viel Arbeit hinein. Deshalb ist es auch super, dass wir durch das Technikprojekt im Bundesleistungszentrum unterstützt werden.“
Bereits während Vadlaus Verletzungspause hatte Haberl einen neuen 470er-Rumpf beim Hersteller in Hamburg abgeholt und mehrere Masten vermessen lassen. Die technische Vorbereitung soll dem Duo helfen, nach der Rückkehr ins gemeinsame Training möglichst rasch wieder konkurrenzfähig zu werden.
2027 wird zum ersten großen Prüfstein
So sehr sich das Duo über die Rückkehr ins Boot gefreut hat, so wenig lässt sich derzeit abschätzen, wo Vadlau und Haberl im internationalen Vergleich stehen. Die Konkurrenz hat während der vergangenen Monate weitertrainiert und sich entwickelt.
„Natürlich hat die ganze Flotte in dieser Zeit weitertrainiert und Fortschritte gemacht. Deshalb sind Ergebnisziele aktuell ganz schwierig einzuschätzen“, erklärt Haberl.
Der Vorschoter rechnet damit, dass zunächst kleinere Trainingsregatten im Winter erste Anhaltspunkte liefern können. „Da kann man schauen, wo man ungefähr steht. Der erste größere Stopp wird dann in Palma die Trofeo Princesa Sofia sein. Ich denke, danach können wir deutlich besser einschätzen, wie es für die nächsten Regatten ausschauen wird.“
Die traditionsreiche Regatta vor Mallorca ist für Ende März beziehungsweise Anfang April 2027 angesetzt. Ein Start von Vadlau/Haberl hängt allerdings davon ab, wie sich das Knie der Olympiasiegerin entwickelt.
Der erste große Qualifikationshöhepunkt folgt im Sommer: Bei den World Sailing Championships in Gdynia (Polen), die vom 22. Juli bis 1. August 2027 stattfinden sollen, werden im olympischen 470er die ersten acht Nationenplätze für Los Angeles 2028 vergeben. Insgesamt stehen in dieser Bootsklasse 19 Olympia-Startplätze zur Verfügung.
Für Vadlau ist die Bedeutung dieses Termins klar. „An der Zielsetzung generell hat sich nichts geändert. Aber man muss das große Ziel in kleine Ziele herunterbrechen. Und da ist es ganz wichtig, überhaupt einmal die Qualifikation zu schaffen, und die ist schon nächstes Jahr.“
Dass damit ein erheblicher Zeitdruck verbunden ist, spricht die Olympiasiegerin offen an: „Ja, wir haben einen Zeitdruck, das muss man ganz klar so aussprechen. Aber sich zu sehr stressen zu lassen und dann vielleicht zu riskieren, dass wir um ein paar Monate zurückgeworfen werden, weil wir es übertrieben haben, ist auch nicht der richtige Weg.“

